Die Schneeflocke
Treibeis

Als ich mich erstmals mit den Zeichen auf den alten samischen Schamanentrommeln beschäftigte, sprach mich eines ganz besonders an: die Schneeflocke.

Die Schneeflocke steht für Individualität (jede ist ein Unikat, keine ist wie die andere) und für großes Lebensbewusstsein: Die Lebensdauer einer Schneeflocke ist sehr begrenzt. Da sie das weiß, lebt sie umso intensiver und bewusster.

An diesen Gedanken orientiert sich mein Leben: Ich will es intensiv und bewusst leben, da ich um seine Begrenztheit weiß; ich will es als das individuelle Unikat leben, das ich bin; und ich will es in der Gemeinschaft aller anderen Wesen leben, mit denen ich durch das weiße Rentier verbunden bin. So wurde die Schneeflocke zu meinem persönlichen Symbol bzw. ich wurde die Schneeflocke.

Wie wirkt sich das auf meinen Alltag aus? Ich habe vor allem gemerkt, dass ich sehr viel ruhiger geworden bin. Früher bin ich allen möglichen Dingen nachgejagt, die ich unbedingt haben oder erleben wollte. Heute bin ich immer wieder verblüfft darüber, wie wenig ich brauche, um einfach zufrieden zu sein. Was ich in den vergangenen Jahren in ein paar großen "Tabula-rasa-Aktionen" alles aus meiner Wohnung rausgeschmissen habe (alles Dinge, von denen ich zuvor glaubte, ich würde mich nie davon trennen können), das könnt ihr euch gar nicht vorstellen! Und ich vermisse nichts davon!

Treibeis

Außerdem kann ich heute viel souveräner mit Krisen und mit Stress umgehen als früher. In solchen Situationen versetze ich mich geistig in den hohen Norden - in die wunderbare Tundra Sápmis oder in eine dick verschneite, sonnenüberflutete Winterlandschaft - und stelle dann meist ganz schnell fest, dass die ganze Aufregung nicht dafür steht. Ich spüre die Ruhe, fühle die frische kühle Luft, ich höre die Stille, und ich denke mir, siehst du, so einfach ist das! Die Menschen im hohen Norden nehmen vieles sehr viel lockerer und leichter als wir; über vieles, was hierzulande die Leute aufregt, können sie nur den Kopf schütteln. Und ich habe eine Menge von dieser einfachen Lebensart übernommen.

Und ich bin selbstbewusster geworden. Damit meine ich jetzt weniger das selbstbewusste Auftreten nach außen, damit hatte ich eigentlich nie Probleme. Aber ich kann mit mir selber viel besser umgehen. Ich lebe in Harmonie mit mir selbst, mit meinem Körper. Das erkenne ich allein schon daran, dass ich schon seit Jahren nicht mehr krank gewesen bin (selbst meinen früher obligatorischen "Einmal-pro-Jahr-Schnupfen" hatte ich schon lange nicht mehr). Vielleicht, weil neben "Wenn es sein muss, kann man alles" - mein Wahlspruch seit frühester Jugend - mittlerweile auch "Immer positiv denken!" zu meiner Devise geworden ist. Mit dieser ständig positiven Denkart - ich versuche auch ungünstigsten Umständen noch positive Aspekte abzugewinnen - habe ich schon so manchen meiner Zeitgenossen zur Verzweiflung gebracht: weil die sich viel besser darin gefallen, das Negative zu sehen, um dann auf alles schimpfen zu können. Aber das tue ich mir eben einfach nicht mehr an. Keine Schneeflocke vergeudet ihr kurzes, kostbares Leben mit unnötigem Ärger. Sie zeigt mir stattdessen, wie schön es ist zu leben - dass man nicht zu viel an das Morgen denken soll, nicht daran, dass das Leben in jedem Moment zu Ende sein kann, sondern dass man das Hauptaugenmerk auf das Hier und Heute richten soll. Und sie lehrt mich, mich als Individuum zu achten und mich doch zugleich nicht für mehr zu halten als jedes andere Individuum dieser Welt.

Treibeis

Die Kraft in mir, die Magie, hat mit der Schneeflocke einen Namen bekommen. Eine Gestalt. Sie ist sicht- und fassbar für mich geworden. Deshalb finde ich heute auch viel besser Zugang zu ihr. Ich muss sie nicht mehr irgendwo da draußen suchen, ich trage sie in mir. Daher brauche ich auch keine Amulette, Altäre oder Rituale mehr. Meine Kraft sind meine Gedanken, meine Gefühle, meine Intuition. Wodurch ich sehr viel freier geworden bin und - finde ich jedenfalls - stärker.

Den unmittelbarsten Zugang zur Quelle meiner Kräfte finde ich natürlich im hohen Norden selbst. Dort habe ich einige spezielle Kraftorte, die ich regelmäßig aufsuche, um mich "aufzuladen". Ich spüre an diesen Orten eine unglaubliche Ruhe. Eine Harmonie und innige Verbundenheit mit der Natur in den unendlichen Weiten unberührter Landschaften. Hier fühle ich, was es heißt, zu leben. Lebendig zu sein und ein Teil des großen Ganzen, nicht nur Gast in der Natur, sondern ein Teil von ihr wie jedes andere Lebewesen auch. Hier, in dieser Stille, die man hören kann, gibt es keinen Stress und keine Hektik. Hier erkennt man, was es heißt, bewusst zu leben und die einfachen Dinge zu schätzen und zu lieben. Dinge, die wir im Lärm des Alltags in unseren klimatisierten, hell erleuchteten Häusern mit dem Supermarkt um die Ecke vergessen und verlernt haben.

Schneewald

Deshalb ist es für mich wichtig, jedes Jahr mehrere Wochen an diesen meinen Kraftorten, den Quellen meiner Magie zu verbringen. Aber es fällt mir inzwischen immer leichter, diese Quellen auch außerhalb dieser "nordischen Wochen" anzuzapfen, zum Beispiel indem ich Steine in die Hand nehme, die ich von dort oben mitgebracht habe, und Kontakt zu ihnen aufnehme; indem ich Bilder (meiner Kraftorte) visualisiere und Stimmungen (die Stille), Geräusche (Wind, Vogelgezwitscher) und selbst Temperaturen (die trockene frische Kälte, die wärmende Sonne) in meinen Sinnen lebendig werden lasse. Auch einige ganz bestimmte samische Jojk-Melodien öffnen meinem Geist den Zugang zur Welt der Schneeflocke. Inzwischen geht das mit einer solchen Selbstverständlichkeit, dass ich die Schneeflocke als zusätzlichen Namen (Lumikide bzw. Yana) nicht mehr brauche. Ich bin die Schneeflocke. Immer und überall. (Wie sagte doch Nils-Aslak Valkeapää so schön? "Mein Zuhause ist in meinem Herzen, und es geht überall hin, wo ich hingehe.")

Und wenn es dann soweit ist und ich endlich wieder in den hohen Norden zurückkehre, dann habe ich das Gefühl, als wäre ich nie fort gewesen. War ich womöglich tatsächlich das ganze Jahr über dort? Möglich ist alles...

Das weiße Rentier Die Sámi Die Weiten in mir
Magie des Nordens Ylva, Witch of the North Positive Gedanken
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