Die Sámi

Damit ihr meine Magie des Nordens besser verstehen könnt, möchte ich euch die Sámi zunächst einmal vorstellen. Dazu muss ich z.T. ziemlich weit ausholen. Aber wer kennt heutzutage hierzulande schon noch diese älteste Volksgruppe im Norden Skandinaviens und auf der Kola-Halbinsel?
 
Obwohl auf vier Länder verteilt (Norwegen, Schweden, Finnland und Russland), betrachten sich die Sámi als ein Volk mit gemeinsamer Sprache und Kultur, das in einem Land lebt: Sápmi (ein unübersetzbares Wort, das in seiner Bedeutung Volk, Land und Kultur der Sámi umfasst). Seit 1986 hat Sápmi eine eigene Flagge und eine Nationalhymne; der 6. Februar ist ihr Nationalfeiertag. Orts- und Informationsschilder werden heute zweisprachig gestaltet. Und nebenbei bemerkt: Als "Lappen" bezeichnet zu werden empfinden die Sámi als ebenso beleidigend wie die grönländischen Inuit die Bezeichnung als "Eskimos". (Oder die Deutschen die Titulierung als "Krautfresser".)
 

Die Weite der Landschaft

Die vorchristliche Religion der Sámi
 
war intensiv verbunden mit der Natur und dem Leben der Sámi. Die Rituale spiegelten die Achtung der Sámi für das Leben um sie herum. Die Sámi lebten stets im Pakt mit der Natur; sie betrachteten sich als Kinder der Erde und der Sonne. Bestimmte Tiere und Orte in der Natur hatten ihre besonderen Schutzwesen; in unterschiedlichen Landschaftsformationen siedelten sich die Götter an, die u.a. für Wind und Wetter, für Rentiere und Jagdglück zuständig waren. Der Seaidi (Seite) war das Zentrum dieser Religion: eine Opferstelle aus Stein oder Holz und auf einem Platz, der als heilig erachtet wurde. Die gleiche Funktion konnte ein ungewöhnlich geformter Felsblock haben.
 
Die Vorstellung, dass Tiere ihre Schutzwesen haben, auf welche die Menschen Rücksicht nehmen müssen, beruht auf dem Gedanken, dass jedes lebende Wesen, Tier wie Mensch, mindestens zwei Seelen hat: eine Körperseele und eine Freiseele. Die Freiseele konnte sich außerhalb des Körpers selbstständig machen und wurde als Schutzwesen und Doppelgänger betrachtet. Tiere und Menschen waren gleichwertig, und entsprechend wurden Tiere behandelt.
 
Im Mittelpunkt des samischen Lebens stand (und steht noch heute) die Natur. Die Sonne ist der Vater, die Erde die Mutter, und alle Lebewesen sind deren Kinder. Jedes Lebewesen hat seine Aufgabe innerhalb der Schöpfung und dient den anderen. Das gilt auch für den Menschen. Überhaupt sind die Grenzen zwischen Geistern, Menschen, Tieren und dem Tod fließend.
 
Der höchste der samischen Götter und der Weltenlenker war Radienattje (Jubmel). Sein Sohn Radienpardne (auch: Radienkiedde oder Beivve) erhielt von seinem Vater die Macht, Seelen zu schaffen. Über den Urvater Maderattje wurden diese Seelen dann hinab zur Erde geschickt und den Akkorna übergeben, den Göttinnen der Frauen und Kinder, die im Gegensatz zu den Luftgöttern in der Erde wohnten. Die höchste der Akkorna war Madderakka, im samischen Volksglauben die Urmutter; sie gilt als identisch mit Radienakka, der Gemahlin des Radienattje. Sie schuf den menschlichen Körper und übergab ihn an ihre Töchter Sarakka, Juksakka und Uksakka. Sarakka war die beliebteste Göttin bei den Sámi; sie stand den Frauen bei den Entbindungen bei und war für die Mädchen zuständig. Juksakka konnte einen weiblichen Embryo im Mutterleib in einen männlichen verwandeln (das war auch notwendig, denn alle Embryos waren zu Beginn weiblich!); sie war die Göttin der Jungen. Uksakka bewachte die Tür der Kåta (des Samenzeltes) und beschützte alle Eintretenden sowie die neugeborenen Kinder. Beivve, der Sonnengott, beherrschte den Tag und wurde nachts abgelöst durch Jisnolmai, den Frostmann. Der Fruchtbarkeitsgott der Sámi hieß Väraldenolmai, seine Helferin war Rananeida, das Frühlingsmädchen. Neben Beivve gab es weitere Götter, die sich um das Wetter kümmerten: den Gewittergott Horagalles bzw. Tiermes und den Windgott Bieggolmai. Rota hieß der Todesgott. Eine interessante Aufgabe hatte Leibolmai: er war der Gott der Jagd und der Waldtiere, ganz besonders der Bären.
 
Der Schamane (Noita/Noaidi) war das Bindeglied zwischen den Menschen und der Götterwelt; er konnte in die Welt der Geister eintreten und den Willen der Götter deuten. Sein wichtigstes Hilfsmittel war die Trommel. Mit seiner langjährigen Erfahrung und außerordentlichen psychischen Kräften konnte er sich in Exstase versetzen und im Trancezustand seine Seele in das Totenreich schicken, um mit den Toten oder mit der Todesgöttin über die Seele eines Kranken zu verhandeln. Manchmal gelang es so, dass der Kranke wieder gesund wurde. Auch zwischen den Menschen und den übernatürlichen Wesen vermittelte der Noaidi, indem er seine Fähigkeiten zur Exstase benutzte. Die Sámi unterschieden übrigens zwischen fünf verschiedenen Welten: 1. Das reich der Götter, 2. die sichtbare Wirklichkeit, 3. die nicht-sichtbare Wirklichkeit, 4. das Unterirdische (die Unterirdischen sind das Volk, das wir selten sehen, das aber unter der Erde lebt und seine Wege und Wohnungen unter den unseren hat) und 5. das Totenreich (in dem der Geist des Verstorbenen Aufnahme findet, um von dort aus später wieder ein anderes Lebewesen zu beseelen).
 
Mit der christlichen Missionierung der Sámi begann eine im Lauf der Jahrhunderte immer stärker werdende Beschneidung der Identität dieses Volkes: Der Jojk, der spezielle Gesang der Sámi, galt als Sünde und wurde verboten, ebenso wie der Gebrauch der samischen Sprache. Vor allem auf die Schamanentrommeln hatten es die Christen abgesehen: Hunderte wurden von fanatischen Missionaren mit Gewalt eingezogen und verbrannt, andere als Museumsgegenstände in die großen Städte im Süden verschleppt, wo ebenfalls viele verlorengingen. Heute existieren nur noch etwa siebzig der alten Schamanentrommeln.
 

Die Weite der Landschaft

Die Geschichte der Sámi
 
ist seit Jahrtausenden eine Anpassung des Menschen an die Natur in Nordeuropa und vor allem der Arktis. Daraus entwickelte sich die Lebensart der Sámi mit einer ganz eigenen kulturellen und religiösen Tradition. Schon in der vorchristlichen Religion, in der Ökonomie und der Verwendung der Ressourcen kristallisierte sich ein Sinn für die Gesamtheit der Natur heraus, und noch heute betonen die Sámi, dass Mensch und Natur zusammengehören und eine Einheit bilden. Die samische Sprache ist reich an Begriffen für Naturphänomene, Wetter und Rentierhaltung; es gibt z.B. Hunderte von Begriffen zur Beschreibung von Schnee.
 
Im Anfang waren die Sámi Jäger und Fischer. Das Ren war das wichtigste Beutetier. Früher schlossen sich mehrere Großfamilien zu Gemeinden mit gemeinsamer Ausnutzung der Jagd- und Fischressourcen zusammen. In diesen Gemeinden herrschte Demokratie; sie hatten eigene Rechtsordnungen und eigene Gerichte; sie besaßen das Recht über den Boden, auf dem sie lebten, und beschlossen gemeinsam, wie er zu bebauen und aufzuteilen war. Diese Art des Zusammenhalts war lebensnotwendig bei den durch Klima und Umwelt in Lappland geprägten Lebensbedingungen - ohne Zusammenhalt der Menschen untereinander wäre man verloren. Auch die sesshaften Sámi und die nomadisierenden Sámi waren "verdde"(Freunde), die untereinander Dienstleistungen und Waren austauschten. Die Hilfsbereitschaft und Gastfreundlichkeit der Sámi ist heute noch sprichwörtlich. Außerdem herrschte bei den Sámi seit jeher die Gleichberechtigung: die Frau hatte wie der Mann eigenes Eigentum, und Töchter beerbten wie Söhne die Eltern.
 
Seit dem 11. Jahrhundert begannen sich die jeweiligen Staaten für Sápmi zu interessieren; das Land sollte kolonialisiert werden. Man begann, mit den Sámi Handel zu treiben, sie mit Steuern zu belegen und ihr Land zu besiedeln. Zugleich begann die Christianisierung der Sámi, die zumeist sehr brutal durchgeführt wurde und vor allem dazu diente, Kontrolle über die Sámi zu erlangen (heute ist die Mehrheit der Sámi protestantisch). Bald begannen die Länder, Sápmi untereinander aufzuteilen. 1751 einigte man sich auf eine Grenze zwischen Schweden und Dänemark/Norwegen (damals in Personalunion miteinander verbunden); man garantierte den Sámi im sogenannten "Kodicillen zum Grenzgebiet" Souveränität und das Recht auf Land und Wasser auf beiden Seiten (für das sie jedoch Landsteuer an den Staat zahlen mussten). Nach der Festlegung der schwedisch-norwegischen Grenze 1809 und der Grenze zwischen Norwegen und Russland 1826 war die Teilung Sápmis vollzogen.
 
Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts war die wohl dunkelste Zeit in der Geschichte der Sámi. Das Recht der Sámi auf ihr Land und Wasser stand einer Ausbeutung der Naturreichtümer im Wege. Daher wurden diese Rechte schrittweise beschnitten, das Land ausgebeutet. Der "Schutz" der Lappmarksgrenze verschwand mit der zunehmenden Industrialisierung; sie wurde durch eine Anbaugrenze weiter im Westen (1868/1873) ersetzt. Allmählich wurde Sápmi eine Rohstoffzentrale für Schweden, eine Art Kolonie. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde dann auch die neue "Schutzlinie" überschritten, als u.a. die Eisenerzvorkommen im Norden entdeckt und ausgebeutet wurden. 1886 wurde das erste Rentierhaltungsgesetz verabschiedet; damit wurde das Recht der Sámi auf ihr Land und Wasser zu einer Art Nutzungsrecht reduziert. Die ersten Versuche der Sámi, sich auf zeitgemäße Art miteinander zu organisieren, wurden damals heftig bekämpft.
 
Heute haben die Sámi in Sápmi das Recht, Amtsgeschäfte auf samisch abzuwickeln. Auch kirchliche Zeremonien müssen, wo gewünscht, auf samisch abgehalten werden. Es ist noch gar nicht so lange her, dass es den Kindern in den öffentlichen Schulen verboten war, samisch zu sprechen (und eine ganze Generation des Rechts beraubt wurde, seine eigenen Traditionen kennenzulernen). Heute können Eltern selbst entscheiden, ob sie ihre Kinder in die Gemeindeschulen (wo inzwischen oft zweisprachig unterrichtet wird) oder in spezielle Sámischulen schicken, wo neben dem üblichen Lehrstoff auch samische Geschichte und Tradition gelehrt werden. Auch rein samische Kindertagesstätten und Volkshochschulen gibt es mittlerweile, ebenso samische Studiengänge an den Universitäten.
 

Die Weite der Landschaft

Wovon leben die Sámi?
 
Nach alter Tradition von Rentierhaltung, Jagd, Fischfang, Landwirtschaft und Kunsthandwerk (duodji), wobei die Rentierhaltung die wichtigste Position einnimmt. Heute jedoch geht ein Großteil der Sámi nicht mehr dem traditionellen Nahrungserwerb nach, sondern übt andere Berufe in Industrie, Handwerk, Verwaltung etc. aus.
 
Zur Rentierhaltung benötigt man große, unberührte Landgebiete. Die Rentiere sind genügsam und ernähren sich von den Flechten etc., die sie in den Gebirgstälern und Waldgebieten finden. Jedes Jahr folgen die Sámi ihren Rentieren auf deren natürlichen Wanderungen: Richtung Küste im Frühjahr und im Herbst wieder zurück ins Landesinnere. Im Sommer werden die Rentiere zusammengetrieben für die Kälbermarkierung. Im Herbst, üblicherweise im September, treibt man die Herden erneut zusammen zur Schlachtung (vor allem Stiere). Wenn im Oktober der Schnee kommt, werden die Herden noch einmal zusammengetrieben, um gruppenweise in das Winterweideland geleitet zu werden. Bei aller Liebe zur Tradition gehen die Sámi hier mit der Zeit: Ohne Motorschlitten arbeitet heute wohl kein Rentierzüchter mehr. Auch unter dem Schnee und an Nadelbäumen finden Rentiere die Flechten, die sie brauchen. Ist der Schnee jedoch hart und eisig, kann dies zu Versorgungsproblemen und zu Katastrophen führen. Im Frühjahr wandern die Herden zurück zu ihrem Ausgangsland.
 
Oft werden heute Sámi automatisch mit Rentierzüchtern gleichgesetzt. Gegen diese Ansicht wehren sich die Sámi ebenso wie gegen die Bezeichnung als "Lappen". Man kann auch Same sein, ohne ein einziges Rentier zu besitzen. In vielen Gebieten, z.B. in den Bergtrakten rund um Arjeplog/Schweden und an den Küsten, leben die Sámi vorwiegend vom Fischfang und sehen in der immer größer werdenden Anzahl an Hobbyfischern ein ernsthaftes Problem. Je nach Nahrungserwerb und Milieu teilt man die Sámi seit jeher in drei Hauptgruppen ein: in Berg-Sámi, Wald-Sámi und Meer-Sámi; daneben gibt es selbstverständlich noch verschiedene Übergangs- und Sonderformen, z.B. Fluss-Sámi. Das Kunsthandwerk dient nur wenigen Sámi als ausschließliche Einkommensquelle; in vielen Familien jedoch wird es zu Hause in der Freizeit ausgeübt und (neben dem mehr und mehr zunehmenden Tourismus) zu einer Quelle für willkommenen Nebenverdienst.
 

Die Weite der Landschaft

Wie leben die Sámi?
 
Gerade die nomadisierenden Rentierzüchter waren darauf angewiesen, ihr Heim möglichst unkompliziert abbauen, transportieren und wieder aufbauen zu können. Sie lebten daher in Zelten und Hütten aus Holz, Fellen und Wollteppichen. Dazu besaßen sie - wie die sesshaften Sámi - auch festgebaute Basisquartiere. (Heute haben die meisten Sámi feste Wohnhäuser und benutzen Zelte und Hütten nur noch, wenn z.B. die Rentiermarkierung vorübergehende Mobilität erfordert.)
 
Die "gamme" zum Beispiel war eine Hütte aus gebogenen Stäben, die von Wandstangen gestützt wurden; gedeckt wurde sie mit Torf. Bei guter Instandhaltung konnte sie mindestens 60 Jahre bewohnt werden. Das "lávvu" bzw. die "kåta" ist ein spitzes Zelt mit Birkenstämmen als Zeltstangen. Als Zeltplane wurden Felle oder gewebte Wollteppiche verwendet; heute nimmt man dazu meist leichtere und wasserdichte Materialien. Ein "goahti" ist ein Zelt, das aus zwei gebogenen Stangen, die einen größeren Innenraum gewähren, besteht.
 
Der Hauptbestandteil der samischen Küche ist natürlich Rentierfleisch, aber auch Fisch und Beeren gehören dazu - eben alles, was die Speisekammer der Natur bietet. Zur Vorrathaltung werden Fleisch und Fisch getrocknet, gepökelt oder gesalzen nach uralter samischer Tradition.
 
Obwohl das Leben der Sámi heute nicht mehr ganz so hart ist wie früher, ist es doch nach wie vor größtenteils von Monotonie und Einsamkeit geprägt. Deshalb nutzen die Sámi jede Gelegenheit zu Spaß und Geselligkeit. Berühmt sind die Frühlingstreffen zur Osterzeit, wenn sich ganze Familien auf die Reise machen, um ihre Erzeugnisse auf den Markt zu bringen und Rohmaterial und Werkzeuge zu kaufen. Gruppen, die sich zum Teil jahrelang nicht gesehen haben, treffen sich und feiern. Diese Zeit ist auch günstig, um Hochzeiten zu feiern oder Vermögensangelegenheiten zu regeln. Während dieser Zusammenkünfte finden außerdem sportliche Wettkämpfe und Geschicklichkeitsspiele statt. Am beliebtesten dabei ist ein waghalsiges Rennen, bei dem die Wettkämpfer sich auf Skiern von eigens dazu abgerichteten Rentieren ziehen lassen. Berühmt sind die Sámimärkte in Jokkmokk/Schweden und Kautokeino/Norwegen.
 

Die Weite der Landschaft

Jojk - die Musik der Sámi
 
Der Jojk repräsentiert eine der ältesten und ursprünglichsten Musikformen in Europa. Melodie und Text sind miteinander verflochten und bilden eine Form, die nur die Sámi beherrschen und in ihrer speziellen Vokaltechnik ausüben. Das wichtigste ist die Melodie; ein Jojk kann daher auch textlos sein. Einen Jojk zu singen ist eine Form der Erinnerung, der Beschreibung und des Erzählens von Landschaften, Menschen und Tieren. Er dient ebenso zur Beruhigung der Rentiere wie zur Abschreckung von Wölfen. Meist jojken die Sámi aber einfach nur für sich selbst, ob zu Hause oder unterwegs in der freien Natur - es ist ein Schritt in eine andere Welt.
 

Das weiße Rentier Ylva, Witch of the North Die Weiten in mir
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